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heimische Pflanzen als Adaptogene

Natur und Heilen
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heimische Pflanzen als Adaptogene

Natur und Heilen

Ab dieser Ausgabe finden sich in der Rubrik »Natur und Heilen« Beiträge von Astrid Süssmuth, der bekannten bayrischen Naturheilkunde-Expertin. Sie gibt damit ihr grosses Pflanzenwissen, die Traditionen unserer Ahnen und praktische Naturerfahrungen aus dem Alpenraum weiter.

Adaptogene sind medizinisch wirksame Substanzen, die durch pharmakologisch unspezifische Wirkung die Widerstandskraft des Organismus gegen chemische, physikalische oder psychogen schädliche Faktoren – Stressoren oder Noxen – erhöhen.
Bekannt sind adaptogene Heilpflanzen aus dem Ayurveda und der TCM, doch gerade unsere heimisch Flora bietet dazu aber äusserst heilkräftige und für den europäischen Organismus insgesamt verträglichere Alternativen.

So wirken Adaptogene

Der Begriff des Adaptierens bezieht sich auf eine Anpassung des Organismus an Stressoren, die in drei Phasen von der Alarm- über die Widerstandsphase zum Erschöpfungsstadium verläuft. Diese finale Phase tritt ein, wenn der äussere Einfluss die Bewältigungsfähigkeit des Organismus überschreitet. Adaptogene verzögern als Heilmittel das Eintreten der Erschöpfungsphase und reduzieren deren körperlichen Auswirkungen, können aber auch bereits prophylaktisch die körperliche Reaktion während der Alarmphase reduzieren. Zusätzlich verbessern sie durch eine Unterstützung der Stoffwechselprozesse das körperliche und geistige Leistungsvermögen, stärken das Immunsystem und verlangsamen durch antioxydative Wirkung den biologischen Alterungsprozess.
Die Voraussetzung zur Wirksamkeit der Adaptogene setzt allerdings einen intakten, regulationsfähigen Organismus voraus, da sie die organischen Auswirkungen von Belastungsfaktoren regulieren, aber nicht substituieren und auch keine zellulären Veränderungen hervorrufen. Adaptogene müssen auch bei längerer Einnahme und in höheren Dosen ungiftig sein. Als adaptogen wirksame Inhaltsstoffe wurden bislang Triterpene, Steroide bzw. Sterole, Polysaccaride und Zimtsäurederivate identifiziert (Capasso et al., 2003), die ihre besondere Kraft aber ausschliesslich im Zusammenspiel eines ganz spezifischen Wirkstoffkomplexes entfalten können. Nur Pflanzen verfügen über diese aussergewöhnliche Kombination von Wirkstoffen in organisch unschädlicher Reaktivität.

»Heimische« Heilpflanzen sind zu bevorzugen

In der Heilkunst des Ayurveda und der Traditionellen Chinesischen Medizin werden adaptogene Heilpflanzen wie Ginseng (Panax ginseng), Ashwagandha (Withania somnifera) oder Indisches Basilikum (Ocimum sanctum) als Heilmittel geschätzt und als  Immunstimulantien zur Regulierung des Stoffwechsels oder generell als Verjüngungsmittel eingesetzt.
Doch häufig zeigen diese im asiatischen Raum seit Jahrtausenden bewährten Heilpflanzen in der (mitteleuropäischen) Praxis nur eine sehr begrenzte Wirkung, auch sind zunehmend Unverträglichkeiten von Patienten auf diese Kräuter zu beobachten.
Tatsächlich unterscheiden sich Genome von Asiaten und Europäern, u.a. im Leberstoffwechsel. Dies führt etwa zu der bekannten Milchunverträglichkeit auf asiatischer Seite – und dazu, dass japanische Säuglingsnahrung mit Fischrogen und Blaualgen für alpenländische Babys eine verdauungstechnisch kaum zu meisternde Herausforderung darstellt.
Nicht nur in Bezug auf Nahrungs-, sondern vor allem auch auf Heilmittel ist deshalb die jeweils heimische Flora von unschätzbarem Wert. Sie gewährleist eine bestmögliche Verträglichkeit, Aufnahme und Verwertung durch den Organismus.

Sechs heimische Adaptogene

Weissdorn (Crataegus monogyna, Rosaceae)
Inhaltsstoffe: Flavonoide, Triterpene (Oleanolsäure, Ursolsäure, Lupeol), Sterole, Procyanidine, Phenolsäuren (Zimtsäure, Kaffeesäure) [Knospen, Früchte], Vitamin C [Früchte]
Weissdorn verstärkt die Kontraktionskraft des Herzens, verbessert die Durchblutung von Herzkranzgefässen und Herzmuskel und hat eine antiarrhythmische Wirkung. Zudem bewirkt er eine Abnahme der Herzfrequenz und senkt den Blutdruck, aber nur wenn sich
beides oberhalb einer normfrequenten bzw. normotonen Ausgangslage befindet (sChulz/hänsel, 2013). Als Langzeittherapeutikum ist der Weissdorn beim Nachlassen der Leistungsfähigkeit des Herzens im Alter und nach Infektionskrankheiten, als schlafförderndes
Sedativum und bei Herzneurosen mit funktionellen Herzbeschwerden bewährt; kurzfristig verabreicht ist die Urtinktur auf frischen Beeren geeignet, um während akuter Infektionskrankheiten den Kreislauf zu stützen und einer Schädigung des Herzgewebes vorzubeugen.  Durch ihren hohen Gehalt an Triterpenen entgiften Weissdornfrüchte den Körper von postinfektiös belastenden Bakterientoxinen, wirken entzündungshemmend und führen zu einer Senkung der Blutfettwerte (Rezaei- Golmisheh et al., 2015).

Vogelmiere (Stellaria media, Caryophyllaceae)
Inhaltsstoffe: Triterpene (hu et al., 2009), Saponine, Flavonoide, Phenolsäuren, Kieselsäure, β-Sitosterol, Anthocyanidine, Mineralien (Kalium, Silizium, Zink), Vitamine A, C, E
Die Vogelmiere wirkt antiviral, immunstimulierend und wundheilend; volksheilkundlich wird sie bevorzugt als Frischpflanzenbrei zur Behandlung entzündlicher Hauterkrankungen und als Teezubereitung bei Bronchitis verwendet. Bei regelmässigem Verzehr von täglich mindestens 10 g frischem Vogelmierenkraut über einen Zeitraum von mindestens 12 Wochen reguliert sich der Gesamtorganismus in Fettstoffwechsel und körpereigener Thermogenese (Produktion von Wärme durch Stoffwechselaktivität), was sich nicht zuletzt an einer deutlichen Gewichtsabnahme zeigt (ChidwaR et al., 2011).
In getrocknetem Zustand verliert die Vogelmiere leider all ihre Heilkräfte, optimal ist es, das kleine Kraut so oft wie möglich direkt aus Garten und Wiese zu verspeisen. Alternativ kann die Vogelmiere auch als alkoholische Tinktur zubereitet werden.

Weiterlesen in Heft Nummer 41

Die Autorin:
Astrid Süssmuth ist Heilpraktikerin und Ingenieurin, in eigener Praxis für Kinder- und Frauenheilkunde tätig mit den Schwerpunkten Phytotherapie, Homöopathie und Geomedizin. Sie ist international tätige Dozentin sowie Autorin zahlreicher Bücher, Fachartikel und Medienbeiträge zu den Themen Naturheilkunde, Kräuterwissen und volkskundliche Kultur.
Kontakt: info@astridsuessmuth.de
Weitere Informationen
www.vomgletscherzumsteinkreis.de/
Buchtipp:
Astrid Süssmuth, Lexikon der Alpenheilpflanzen – Heilkunde und überliefertes Wissen, AT Verlag, ISBN 978-3-03800-671-8, Fr. 38.90 (UVP)/€ 32.90

Quellen zu diesem Artikel und weitere Informationen:

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