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Verstehen, warum alles so kommen musste

Aus der Praxis
Aus der Praxis

Verstehen, warum alles so kommen musste

Aus der Praxis

In diesem Fallbeispiel schildert der Psychologe Wolfgang Michael Harlacher, wie ein Vater und seine Tochter früh getrennt wurden und wie sie sich im Laufe langer Jahre dabei fühlten. Er erklärt die Aufarbeitung ihrer Lebensereignisse im Hoffman Prozess und zeigt den Lösungsweg auf.

Larissa* wurde nach rund 24 Stunden Wehen an einem kühlen Märzmorgen im Triemlispital in Zürich geboren. Als ihr Vater ihr die Nabelschnur durchtrennen und sie baden durfte, da hatte er das Gefühl, Gott noch nie so nahe gewesen zu sein, wie während dieser Geburt und danach. Ihre Mutter war von dieser anstrengenden Geburt und der langen Wehendauer erschöpft – aber glücklich. Beide waren berufstätig, die Mutter beratend, der Vater als Coach und Seminarleiter. Ich durfte diese Familie während vieler Jahre im Herzen und in meiner Arbeit begleiten und berichte hier aus Notizen und mir zur Verfügung gestellten Aufzeichnungen. Eine Geschichte, die sich, wie ich finde, zu berichten lohnt, weil sie doch noch gut ausgegangen ist.

Die Beziehung wurde immer schwieriger

Der Vater war in seinem Job bis zu 17 Wochen im Jahr unterwegs, die Mutter in eigener Praxis tätig. Sie erwartete von ihm, dass er seine Tätigkeit reduzierte, um vorrangig Hausmann und Vater zu sein. Da er im Aufbau einer eigenen Firma begriffen war, wollte er dieses Zugeständnis nicht machen. Das führte immer wieder zu Streit und Disharmonie in der Beziehung. Wenn er jedoch zu Hause war, kümmerte er sich rührend um das Baby und teilte sich mit der Mutter auch die Nachtwachen, als sie nach drei Monaten aufhören musste zu stillen.
Weil die Beziehung mit der Mutter nach der Geburt von Larissa so schwierig wurde, öffnete sich der Vater für eine neue Beziehung innerhalb seiner Arbeitswelt und lebte schon bald nach ihrer Geburt zwei Leben: eines in seiner Arbeit mit einer Geliebten dort und eines zu Hause mit der Mutter des gemeinsamen Kindes und Larissa. So sehr die Mutter ihn auch in seiner Würde immer wieder verletzte und ihm weiszumachen versuchte, was er für ein miserabler Vater und Ehemann sei, so sehr hing er jedoch auch an der gemeinsamen Tochter und der Hoffnung, es könne sich alles noch zum Guten wenden.
Das konnte nicht gut gehen. Als Larissa ein halbes Jahr alt war, fand ihre Mutter »zufällig« einen Brief von der Geliebten und warf den Vater des gemeinsamen Kindes umgehend aus der Wohnung, die beide miteinander geteilt hatten. Er wohnte zunächst bei Freunden und in Hotels, bevor er sich in den Bergen, wo sich auch ein Seminarhotel befand, in dem er häufig tätig war, eine kleine Wohnung nahm. Die Mutter war ihm so böse, dass er die gemeinsame Tochter drei Monate später noch einmal kurz an Weihnachten sehen durfte und dann viele Monate nicht mehr. Am 29. August 1994 schrieb er in sein Tagebuch, das er für sich und eventuell später für Larissa führte: »Du bist heute genau 17 Monate und neun Tage alt … Ich habe dich am 16. Mai, vor mehr als drei Monaten zum letzten Mal gesehen. Ich sehe es noch vor mir, wie du auf dem Spielplatz am Züri-Horn immer wieder in meine Arme gelaufen bist … Seitdem hat mir deine Mutter nicht erlaubt, dich zu sehen, am 20. Mai sagte sie mir, sie wolle mich ein halbes Jahr nicht mehr sehen…Das tut mir sehr weh im Herzen. Ich denke jeden Tag an dich und hülle dich in meinen Gedanken jeden Tag in Licht; anders kann ich im Moment nicht bei dir sein … weil deine Mutter das nicht will.«
Für diesen Mann war es seelisch ausserordentlich schmerzhaft, sein Baby, das er regelmässig im ersten halben Lebensjahr gewickelt und gefüttert hatte, so urplötzlich nicht mehr im Leben zu haben. In unserer Arbeit verglich er diesen Schmerz immer wieder mit dem schmerzlichen endgültigen Verlust von geliebten Menschen, die er in seinem Leben schon durch den Tod verloren hatte. Indes, so liess er mich auch wissen, sei es noch schwieriger damit umzugehen, dieses kleine Wesen, während es aufwuchs, auf eine solch unbeeinflussbare und willkürliche Art und Weise immer wieder für lange Zeit zu verlieren. Hinzu kam, dass sich die Mutter nach kurzer Zeit einen neuen Lebenspartner in die einst gemeinsamen Räumlichkeiten nahm. Da Larissa nicht zu ihrem Vater durfte – übrigens  neun Jahre lang! – war dort zunächst einmal die erste Anlaufstelle für nur Stunden währende Besuche.

Therapie, um mit der Situation in Frieden zu kommen

Am 20.9. desselben Jahres schrieb er nach nur einer Woche, die seit dem letzten Besuch vergangen war: »Nun sehe ich dich so schnell wieder wie noch nie,  wunderbar. Du bist genau dreissig Monate – zweieinhalb Jahre – alt. Schmerzlich wird mir wieder bewusst, wie wenig ich dich in diesen 30 Monaten sehen durfte, wie wenig gemeinsame Lebenszeit wir verbracht haben... So viele Momente, die ich nicht mit dir teilen konnte, wo einfach Bruce* an meiner Stelle war, geliebte Tochter – das war nicht mein Wunsch! … Deine ersten Schritte habe ich nicht miterleben dürfen, mich nicht mit dir freuen können, als du dich zum ersten Mal auf deine Beinchen gestellt hast …«

Weiterlesen im Heft Nummer 40.

Über den Autor
Wolfgang Michael Harlacher begleitet als Psychologe und Lehrer im Hoffman Prozess seit mehr als 25 Jahren Menschen auf ihrem Lebensweg. In dieser Zeit hat er Einblick in mehr als 5000 Schicksale genommen. Zudem ist Harlacher zertifizierter Cobimax-Therapeut und mit im Beraterteam des Forums der Schweizer Zeitschrift »Heilen Heute«. Er war nach dem Abschluss seines Psychologiestudiums an der Universität Freiburg im Breisgau und nach dem Erwerb von zusätzlichen praktischen Erfahrungen in Gesprächs und  erhaltenstherapie acht Jahre als Journalist für Grenzgebiete der Psychologie tätig. Das Schreiben gab er zugunsten der Ausbildung als Begleiter im Hoffman Prozess auf, die er zum Teil noch bei Bob Hoffman persönlich machte.

Infos und Kontakt
www.hoffman-institut.ch, info@hoffman-institut.ch

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